In der Weihnachtszeit braucht man eine gute Weihnachtsgeschichte. Und manchmal auch eine Eintrittskarte.

Karten-Gutscheine für das neue Theaterstück „Die Räuber vom Mordkuhlenberg“ in der Buchhandlung im Alten Rathaus.

 

 

10 prämierte Geschichten werden vorgestellt, und Sie können sie bei KINDLE für den Selbstkostenpreis erstehen. Eine Geschichte wird hier abgedruckt, damit Sie wissen, was Sie erwartet.

Das letzte Blatt

Der Maler hatte die Kleine im gegenüberliegenden Haus nun schon tausendmal beobachtet, ihre blonden Haare auf dem geblümten Kopfkissen, ihre roten Wangen, die mit den Monaten aber immer blasser geworden waren, und ihre Augen. Diese Augen, die ohne Worte mit ihm sprachen.

Dass das Mädchen krank war, war ihm schnell klar geworden, und deshalb schickte er als Gruß von einem Unbekannten hin und wieder ein Bild zur Aufmunterung vorbei.

Eines Morgens entdeckte der Maler einen Brief, geheftet an die Fensterscheibe des Krankenzimmers, und mit dem Fernrohr konnte er lesen: „Wann bekomme ich denn das Herbstblatt?“

Der Maler stellte sich an seine Staffelei, kramte in seinem Gedächtnis das prächtigste Herbstblatt hervor, an das er sich erinnern konnte, ein buntes, braun-grünliches kanadisches Ahornblatt. Dazu malte er eine schwarz-weiß metallisch glänzende Elster, die es im Schnabel hatte und zu ihr hinübertrug.

Am nächsten Tag schon ließ das Mädchen per Briefluftpost an der Fensterscheibe anfragen: „Hast Du noch ein anderes Blatt?“

Na, dachte der Maler, die ist ja ganz versessen auf Blätter, malte einen Baum mit bunten Eichenblättern, die sich gegen den Wind wehrten, und ließ das Blatt zum Mädchen bringen.

Doch am nächsten Morgen hing am Fenster ein weißes Blatt Papier, darauf nur ein Kreuz, als sei etwas Schreckliches geschehen. Dem Maler schoss das Blut in den Kopf, als fühle er sich ertappt, verließ noch vor dem Frühstück das Haus, schellte gegenüber und bat das Mädchen zu sprechen.

Die Mutter sagte: „Ach, Sie sind der Freund von Juliane?“

„Juliane? Ihre Tochter ist krank?“

„Leukämie“, erklärte die Mutter, „und sie wird es nur schaffen, wenn sie die Hoffnung nicht verliert.“

„Die Hoffnung“, dachte der Maler, als er vor Juliane stand, diesem Mädchen, das dort so blass im Kissen lag, mit den dunklen Augen, die er so oft mit dem Fernrohr gesucht hatte. Er setzte sich an das Bett, überblickte ihr Zimmer, und trotz des Schmerzes, den er mit Juliane fühlte, freute er sich auch ein bisschen. Die Wand war nämlich tapeziert mit seinen Bildern, mit all seinen Bildern. Auf dem ersten stand mit seiner Handschrift: „Bild eines Unbekannten für das blonde Mädchen von gegenüber“. Das war vor vier Monaten gewesen. Und ganz hinten in der obersten Reihe hing das gestrige Bild mit den vom Wind fast zerfetzten Eichenblättern, die sich mit letzter Kraft am Baum fest hielten.

„Hat das Kreuz mit meinem letzten Bild etwas zu tun?“, fragte der Maler, und Juliane nickte, und ihre dunklen Augen waren so, als würde sie losheulen müssen.

„Aber ich dachte, dir gefallen meine Blätterbilder?“, fragte der Maler, um sie abzulenken, und Juliane beteuerte, wie gut sie ihr gefielen.

„Aber das letzte gefällt dir nicht!“, sagte der Maler.

Und Juliane nickte, und dann erzählte sie, anfangs stockend, dass sie ungeheure Angst habe vor dem letzten Blatt. Und dass sie den Herbst fürchte und den November und dass der Wintersturm ihr Alpträume bereite, denn wenn das letzte Blatt vom Baum gefallen sei, dann müsse sie sterben.

„Aber das stimmt doch nicht“, wollte der Maler sie beruhigen.

„Ich weiß es besser“, sagte Juliane und blickte ihn mit ihren dunklen Augen so verzweifelt an, dass er nichts zu erwidern wusste.

„Ich habe nur noch eine kurze Zeit. Nur noch so viel Zeit, bis das letzte Blatt vom Baume fällt“, und sie zeigte auf die Buche vor ihrem Fenster, und sagte: „Es sind nur noch 17 Blätter am Baum.“

Und der Maler setzte in Gedanken den Satz fort. Der nächste Wind schon könnte ihre letzte Hoffnung begraben.

An diesem Tag saßen sie lange zusammen, und auch die nächsten Tage, bis es dem Maler immer schwerer fiel zu kommen; denn wenn er morgens aufwachte, zählte er zuerst die Blätter am Baum. „Heute noch vier!“, flüsterte er, und er wagte es kaum noch, zu Juliane zu gehen, so schwer fiel ihm der Gang. Und als er heute an ihre Tür anklopfte, empfing sie ihn mit entsetzten Augen und zeigte nach draußen: „Nur noch zwei!“, schluchzte sie, „zwei auf einmal, gerade vor ein paar Minuten!“.

Der Maler streichelte über ihr Haar und hätte am liebsten ihre Augen verdunkelt, damit sie die Hoffnung nicht verlöre; denn der Arzt hatte definitiv gesagt, Juliane würde es schaffen, wenn sie nur selbst wolle. Sie müsse an ihre Gesundung glauben.

Der Maler hörte auf die Blendläden, gegen die der Winterregen prasselte, und gleichzeitig dachte er an die Blätter, wie lange sie dem Wind und dem Regen trotzen könnten. Und Juliane in ihrem Bett hatte dieselben Gedanken. Sie hörte die Nachrichten, doch vor dem Wetterbericht war die Stromversorgung plötzlich unterbrochen, und als das Licht wieder da war, wusste sie, dass der Vater den Strom absichtlich unterbrochen hatte, damit sie nicht die Sturmwarnung hören sollte. Morgen würde ihr letzter Tag sein, morgen schon wäre der Baum kahl, die Äste nackt und steif, und Juliane stockte der Atem.

In der Nacht schlief sie schlecht, wachte auf, zog die Gardinen zurück, spähte zum Baum, und im blassen Licht der Straßenbeleuchtung ahnte sie, dass das letzte Blatt gefallen war. Sie vergrub sich in ihr Kissen, weinte bitterlich, dachte an den Frühling, doch schon stand der kahle Baum wieder vor ihr, auf dem Boden die zwei letzten Blätter, weggespült vom Regen in den Rinnstein der Straße. So lag sie wach und schlief erst spät ein, und deswegen auch war sie überrascht, als sie aufwachte, dass das Frühstück schon auf dem Tisch stand, vor dem Tisch die Mutter und der Maler, sie lachten, sie redeten über den nächtlichen Sturm und dass es nun aufwärts gehe, denn wenn der gestrige Sturm es nicht geschafft hatte, das letzte Blatt vom Baum zu fegen, dann würde es auch der bissigste Januarsturm nicht schaffen, denn die Wellen der Nordsee hatten Höchststände gehabt. Und die Mutter öffnete Zentimeter für Zentimeter die Gardine, und vor dem klaren Himmel, über den die Wolken schnell hinweghuschten, zeigte sich der Baum in seiner fast vergessenen Pracht: Ein Blatt noch, ein einziges, hing am Baum, ganz oben in der Krone, es schaukelte im Wind, als könne es jeden Augenblick das Gleichgewicht verlieren, aber das Blatt hielt, als ob es festgewachsen war mit dem Holz und dem Stiel. Und als der Sturm am Nachmittag noch einmal aufheulte, und als der Wind an den Fenstern rüttelte und durch die Ritzen des Fensters blies, da tanzte das Blatt, es krümmte sich, aber es fiel nicht.

Es fiel den ganzen Winter nicht, selbst Weihnachten unter Schnee fiel es nicht, sondern streckte sich gegen den Himmel, und jetzt merkte auch Juliane, dass sie es auch schaffen würde wie das Blatt. Und als sie im Frühjahr das erste Mal hinausgehen durfte, stand sie unter dem Baum mit dem Maler. Und es dauerte lange, bis sie in dem dichten frischen Blattwerk ihr altes braunes Winterblatt entdeckten, und da fiel es Juliane wie Schuppen von den Augen: Der Maler hatte ein Blatt der Hoffnung gemalt, es in Folie eingeschweißt und es in den Baum gehängt, und dort hängt es bis heute noch, schon drei Jahre vergangen, und nur noch zur Weihnachtszeit blickt Juliane in den Baum und schmunzelt.

 

 

Kessens1

 

Bernd Kessens, geb. 1948, hat 10 Romane herausgegeben, ausgezeichnet mit einigen  literarischen Preisen, rezensiert und gewürdigt in den meisten Publikationsmitteln.

Bernd Kessens hat historische und moderne Themen bearbeitet:

 

 

1.     den Detektivroman „Tatort Maisfeld“, der sich mit Umweltproblemen in der Region Südoldenburg beschäftigt.

2.     den satirischen Schelmenroman „Narrenrepublik“, der sich mit dem Problem von politischen Minderheiten beschäftigt.

3.     den psychologischen Roman „Die Angst des Stierkämpfers vor der Spitze des Horns“, der auf große Resonanz gestoßen ist und als Erklärungsmodell dafür gelten kann, warum manche Männer nicht Büroangestellte oder Lehrer, sondern Großwildjäger, Toreros, Skispringer, Schachspieler oder Autorennfahrer werden.

4.     den historischen Roman „Rabenfluch“, der mittlerweile bereits in 5. Auflage jetzt beim taurino-verlag erschienen ist und die Beziehungen zwischen Bauern, Leibeigenen und Heuerleuten zu Beginn des 19. Jahrhunderts in dramatischer Weise beschreibt. In der Region erfolgte eine starke Identifikation der Menschen mit diesem Roman.

5.     den historischen Roman „Freiheit und gebratener Speck“, der der Nachfolgeroman von „Rabenfluch“ ist und die erste Auswanderung aus Deutschland und die ersten Anfänge in Amerika in spannender Weise beschreibt. Auswanderung sei „ein Koffer voller Hoffnung“, wie die Neue Osnabrücker Zeitung schrieb.

6.     den Liebesroman “Getanzte Liebe Flamenco“. Ein Student, der lieber malt als studiert, der lieber liest als arbeitet, verschwindet Hals über Kopf aus Münster, um in Andalusien die spanische Sonne zu genießen. Doch er bleibt in Salamanca hängen, wo er Anna, eine leidenschaftliche Flamencotänzerin, trifft und sich in sie verliebt.
Die Freundschaft, die Liebe, die leicht und beschwingt beginnt, stößt auf spanische Widerstände, auf den Stolz und die Tradition, und droht an ihr zu scheitern.
Der neue Roman “Getanzte Liebe Flamenco” ist ein Ausflug in die Welt eines modernen Werther.
Auch im neuen Spanien-Almanach ganz oben in der Liste stehend und ausdrücklich empfohlen.

 7.     den historischen Roman “… und an den Füßen eine goldene Uhr”, in dem ein kirchenpolitisches Thema im Mittelpunkt steht. In diesem Dorf existiert ein sog. Simultaneum mixtum, was bedeutet, dass ein Gottesdienst gleichzeitig von Katholiken und Protestanten in einer Kirche gefeiert ist. Der Pastor ist ein Katholik, der Küster ein Protestant. Was aber als Beginn einer Ökumene anzusehen ist, ist in wirklicher Hinsicht ein „Kalter Krieg“ zwischen den Konfessionen. Spielball dieser Auseinandersetzungen ist Ranzen Donnerkeil, ein junger Mann, der in die Mühlsteine der Kirche, der Bauern, der Grundherren und des gesamten Dorfes kommt.

8.     den psychologischen Roman “Die spanische Haut”. Dieser Roman spielt Andalusien, zwischen Cadiz und Malaga, Granada und Cordoba, besonders in Sevilla, der Stadt des Flamenco.
Inhaltlich wird eine Liebesgeschichte mit höherem Anspruch erzählt.
Zum Inhalt: Was passiert mit einem Menschen, der wach wird und dem plötzlich sein Gedächtnis fehlt?
Das traumatische Erlebnis einer Nacht hatte sein Gedächtnis nahezu komplett ausgelöscht. Doch eine frische, geheimnisvolle Tätowierung auf seiner Brust öffnet dem jungen Mann die Pforte zu seinem Gedächtnis und zu seiner Psyche.
Das Aparte an dem Roman ist, dass der Leser anhand der Gedächtnisreise des Tätowierten gleichzeitig auch die arabisch geprägten Städte Andalusiens kennen lernt. Man wirft nicht nur einen tiefen Blick in kultische Bedeutung des Tätowierens, sondern öffnet der Roman jedem, der Spanien besuchen möchte, auf spannende und exotische Weise den kulturellen Zugang zu Spanien.

9.  „Ein Stück Land“, ein historischer Roman

„Ein Stück Land“ ist es, das sich alle Dorfbewohner erhoffen; denn die Wiesen, Wälder, das Moor und die Heide um Bunnen herum sollen vom Großherzog verteilt werden (Markenteilung).
In dieser spannenden Zeit, in der Unruhen in der Dorfbevölkerung gären, kehrt Friedrich 1848 nach 25 Jahren in Amerika zum ersten Mal zurück in sein Heimatdorf.
Unversehens gerät er in die harten Auseinandersetzungen um „ein Stück Land“ und soll Mittler zwischen den Parteien sein, gebeten von Franziska, der schönen Tochter des Totengräbers des Dorfes, in die er sich verliebt.

In der Trilogie “Rabenfluch”, “Freiheit und gebratener Speck” und diesem Roman „Ein Stück Land“ erzählt der Autor nicht nur die packende Geschichte des Protagonisten Friedrich, sondern wirft auch einen faszinierenden Blick in eine bewegte Zeit.

10. Der Roman „Die Entführung der Flamencotänzerin“ ist hinreißend, spannend, begeisternd

(nur im Kindle zu lesen!)

Der äußerlich sympathische, charakterlich aber skrupellose Umberto sucht für die Verbrecherorganisation „Benefizium“ 5 Männer, die sich gegenseitig nicht kennen. Einer von denen heißt Pedro, ein 23-Jähriger, der in der südlichen Vorstadt von Madrid haust und gerade den Führungsanspruch in einer Straßenbande gegen Miguel durchzusetzen will. Diesen Pedro wählt Umberto aus, weil er meint, diesen ungebändigten unerfahrenen Jungen in seinem Sinne manipulieren zu können. Dann kommt es zur Entführung der faszinierenden Flamencotänzerin Carmen Garcia Marin, die Entführung gelingt, aber dann beginnt eine harte Zeit…..

„Gegen diesen Roman sind die Tatort-Krimis des Fernsehens nur ein billiges Vergnügen“, so der Literaturzirkel O & M.

„Sprachlich angesiedelt zwischen dem harten Jargon der Bande und der subtilen Erzählung des Erzählers. Einfach gelungen!“