Erzählungen

Weihnachtsgeschichte

Ein Gottessohn braucht keinen Lohn

oder

ein Bonbon ist die Eintrittskarte in das kleine Paradies.

 

Im Dorf gab es ein Kolonialwarengeschäft, und der kleine Lukas hatte sich die Nase schon tausendmal vor den Schaufensterscheiben platt gedrückt. So viele schöne Dinge gab es hier, und in seinem eigenen Haus nur Pfannkuchen mit Speck. Und wenn er an sich heruntersah, die schwarzen Stiefel bei Regen und die Holzschuhe mit Haferstroh beim Frost, dann grauste es ihm, und er träumte von einem goldenen Leben in einem Schloss in Berlin.

Die einzige Hoffnung setzte er auf den Pastor, der den Kindern in der Christenlehre von den BENEFICIEN Gottes erzählte, und wenn er – aber leider nur sehr, sehr selten – großzügig war, dann schenkte er Lukas einen Pfennig, mit dem er beim Kolonialwarenhändler ein Bonbon kaufen konnte.

Ein Bonbon war die Eintrittskarte in das kleine Paradies.

Und deshalb strengte er sich besonders an. Er sammelte viele Male Löwenzahn für des Pastors Kaninchen, aber trotz des üppigen Löwenzahns bekam er nur 3 Pfennige. Doch Lukas ließ den Mut nicht sinken; denn als die Eichelzeit kam, sammelte er mehrere Säckchen knackiger Eicheln für des Pastors Schweine, und der entlohnte ihn mit 4 Pfennigen, die er sofort im Kolonialwarengeschäft in 16 Salmiakpastillen umsetzte.

Dann sah Lukas die mächtigen Buchen im braunen Blättermeer, und als der Pastor in der Christenlehre davon sprach, dass alle Mädchen Gottestöchter und alle Jungen Gottessöhne seien, da spornte er sich noch mehr an und sammelte Bucheckern ganz weit in den Forsten. Und obwohl er sich noch mehr als bei der Eichelernte bemüht hatte, wurde das Säckchen einfach nicht voll, und als er am Abend den Beutel zum Pastor brachte, musste er mit einem einzigen Pfennig vorlieb nehmen.. Diesen nahm Lukas zwischen die Zähne und biss zu, ob der wohl echt sei; dann kaufte er im Kolonialwarengeschäft einen Bonbon, und dann sagte er sich angesichts dieser kurzen Gaumenfreude, ab jetzt werde ich dem Pastor keine Eicheln und keine Bucheckern mehr bringen.

Draußen regnete es, und als der 1. Advent kam, begann es zu schneien, und da des Pastors Dachschindeln auf seinem Hühner- und Schweinehaus morsch waren, konnte sich Lukas der Bitte des Pastors nicht entziehen, und er besserte das Hühnerdach aus und ersetzte die alten Schindeln.

Er war skeptisch und sah einer weiteren Enttäuschung entgegen. Je mehr er arbeitete, desto weniger Lohn bekam er für seine Anstrengung.

Und tatsächlich. Die Hände klamm und blau gefroren, das Gesicht rot und rissig und in den Haaren kleine gefrorene Wassertropfen – so stand er vor dem Pastor, der ihn anlächelte, ihm freundschaftlich auf die Schultern klopfte und ihm sagte:

„Lukas, ein Gottessohn braucht keinen Lohn.“

Da ging Lukas nach Hause, machte sich ein Kreuz in die rechte Hand und versprach sich selbst, nie mehr sich selbst untreu zu werden und dem Pastor nie wieder zu helfen.

Und der Advent ging dahin. Lukas machte einen großen Bogen um den Tannenwald. Dieses Mal würde er dem Pastor keine Tannenzweige bringen.

Und als er zwei Tage vor Heiligabend an des Pastors Hühnerstall vorbeiging, dessen Dach er für Gotteslohn repariert hatte, fiel er vor Staunen fast rücklings auf den Rücken. Dort hingen an einem Bindfaden zwei ausgenommene Hühner, damit sie abtropfen sollten.

Lukas rannte nach Hause, schrieb einen Zettel, holte sein Taschenmesser, rannte zurück so schnell, wie er noch nie gerannt war, schnitt die beiden Hühner ab, dann spießte er seinen Zettel auf einen Nagel und malte sich aus, wie des Pastors Miene aussehen würde.

Denn dort stand:

„Ein Gottesdiener braucht keine Hühner.“

 

 

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Paul und die Taube Isabella

Diese Muttertaube muss nicht die hellste gewesen sein, ihr Nest in der Astgabel eines Eukalyptusbaumes zu bauen. Denn als das einzige Ei ausgebrütet und der Nachwuchs noch federlos war, hob der Atlantiksturm das Nest samt Taubenkind in die Luft. Und als die Böe vorbei war, fiel das Taubenkind unsanft auf den Boden vor die Füße von Paul. Die Taubeneltern standen ohne Haus da. Sie fanden das Kind nicht einmal, aber Paul nahm das Taubenkind in die Arme.

Paul nannte das Taubenkind Isabella. Mit einem Kieselstein zerstampfte Paul Sonnenblumenkerne auf dem Tisch, und stopfte den Brei mit den Fingern in den Schnabel. Weil aber Isabella den Brei noch nicht einmal schlucken konnte, stopfte Paul mit einem Stäbchen den Brei in den Schlund oder Speiseröhre und wartete.

Isabella überstand diese Operation, und einige Stunden später wiederholte Paul dasselbe,  und als am nächsten Tag die Taube immer noch lebte, war Paul zuversichtlich, Isabella könnte es schaffen.

Aus dem ersten Flaum am Körper entstanden die feinen Spitzen der Feder, und nach einem weiteren Tag konnte Isabella sich schon auf den eigenen Beinen halten.

Und dann besuchte der Opa (das bin ich) mit Hanna und Oskar den Taubenretter Paul. Paul saß im freien Innenhof des Hauses, und Isabella saß auf seiner Schulter. Isabella sah noch nicht aus wie eine richtige spanische Taube, war aber lammfromm, rang noch ein wenig mit dem Gleichgewicht, indem sie mit den Flügeln flatterte, und konnte schon die Sonnenblumenkerne, ohne dass Paul sie vorher zermahlen musste, runterschlucken.

Hanna und Oskar waren begeistert. Und als Paul die Taube Isabella der Hanna auf die Schulter setzte, war sie freudetrunken und wanderte mit der Taube durch den Innenhof. Und Oskar hielt seine Hand wie einen Steg an Hannas Schulter, und dann stolzierte die Taube auf Oskars Arm. Das stundenlang, bis Isabella vor Müdigkeit die Augen schloss und einschlief.

Als Hanna und Oskar beim nächsten Mal die Taube besuchten, war sie schon gewaltig gewachsen. Sie hatte schon viele Federn, und wenn sie die Flügel bewegte, dann hob sie sich schon einen Meter vom Tisch in die Höhe, und ein paar Tage später flog sie schon allein im Innenhof herum, über dem nur der blaue Himmel von Spanien war. Immer wieder setzte sich Isabella auf den Arm, wenn die beiden ihre Hand ausstreckten.

Eines Tages stieg Isabella, die nun stolz auf dem Tisch oder der Mauer herumstolzierte, in die Lüfte, verließ den Innenhof, und Hanna dachte schon, sie würde nie wieder zurückkommen.

Paul, der Urlaub in El Palmar verbrachte, legte sich nach dem Mittagessen auf eine Liege, um die Siesta, den Mittagsschlaf, zu machen. Er schloss seine Augen, schlief ein und träumte, Isabella hätte ihn nun verlassen und nun mit den anderen Tauben ein Stelldichein in der Luft. Doch was für ein Wunder. Paul wurde aus dem Schlaf gerissen, weil Isabella ihn an seiner Nase pickte. „Wach auf, du Schlafmütze“, hätte sie gesagt, wenn sie hätte sprechen können. Paul holte Futter für Isabella, und Isabella verspeiste es und setzte sich mit vollem Magen auf die Liege und schlief ein. Eine Siesta für die Taube.

Das – es ist unglaublich – das machte die Taube nun jeden Tag. Morgens flog sie nach dem Frühstück irgendwohin, kam rechtzeitig zum Fressen und verlebte mit Paul die Siesta auf einer Liege im Innenhof.

Der Urlaub ging nach vier Wochen zu Ende. Paul fuhr nach Deutschland, und Pauls Eltern fütterten nun Isabella. Doch anscheinend war sie wohl ein wenig einsam geworden. Sie suchte einen Freund, und den fand sie in einem Spiegel, der an einer Mauer des Innenhofs hing. Isabella schaute oft in den Spiegel und pickte gegen das Spiegelglas, manchmal flog sie vor dem Spiegel auf und ab und tanzte dort wie eine Ballerina. Viele, viele Tage.

Doch eines Tages, als sie wieder zur Siesta mit großem Schwung in den Innenhof segelte und im Spiegel plötzlich eine Taube, wahrscheinlich den Freund, entdeckte, stürzte sie sich auf diese Taube, die sie ja selbst war, und brach sich das Genick.

Das war wirklich traurig.